Rezensionen

Unsere Rezensionen

für euch

Walter Tevis Das Damengambit

Das Buch handelt von einem Waisenkind (Beth als Abkürzung von Elizabeth) in den USA. Beth besitzt ein Talent zum Schachspielen und lernt das Spiel beim Hausmeister des Waisenhauses. Obwohl auch von der Heimleitung erkannt, wird das Talent nicht gefördert. Es bricht sich aber Bahn, als Beth adoptiert wird und außerhalb des Heims die Möglichkeiten findet, ihr Schachtalent zu entwickeln. Sie entdeckt, dass sie mit Hilfe von Schach Geld verdienen kann. Das erste Turnier gewinnt sie zwar nicht, aber trotzdem ist das Preisgeld beträchtlich und ihr Name wird in der Schachwelt bekannt. Fortan kümmert sie sich mehr um Schach als um die Schule und zusammen mit ihrer Adoptivmutter, die auch immer knapp bei Kasse ist, fahren sie von Turnier zu Turnier. Damit steigen Einkommen und Selbstvertrauen und sie gewinnt schließlich die US-Meisterschaft. Der Titel prädestiniert sie, an internationalen Turnieren teilzunehmen, zu denen die besten Spieler persönlich geladen werden. Ihr Traum ist die Teilnahme am Moskauer Spitzenturnier, zu dem sie als US-Meister Zutritt bekommt. Sie möchte die russische Schachdominanz durchbrechen und beweisen, dass sie gegen die männlichen Schachgrößen gewinnen kann – und Weltmeister werden.

Ihr Lebensweg verläuft nicht geradlinig. Dass sie in ein Heim kommt, dort auf unfreundliche Umstände trifft, wird überzeugend geschildert. Trotzdem gibt es auch dort Lichtblicke. Sie freundet sich mit dem schwarzen Mädchen Jolande an und findet im Keller den Hausmeister Mr. Shaibel, der ihr das Schachspielen beibringt. Schon im Heim entwickelt sie eine Sucht zu Beruhigungspillen.

Nach der Adoption besucht sie nun eine normale Schule. Sie ist intelligent, hat gute Leistungen, fühlt sich aber nicht integriert – niemand hat Interesse am Schach. Sie erkennt frühzeitig die Gruppenbildung auf der Grundlage von Besitz/Vermögen. Als Adoptivkind in einem wirtschaftsschwachen Haushalt passt schon ihre Kleidung nicht zu den gehobenen Ansprüchen der „besseren“ Mädchen. Als diese auf sie aufmerksam werden (durch Bilder und Artikel über ihre Schacherfolge), wird die gnadenlose Oberflächlichkeit dieser Mädchen deutlich.

Solange sie mit ihrer Adoptivmutter lebt, wird ihre Sucht durch Beruhigungspillen befriedigt, die sie beide nehmen. Nach dem Ableben der Ziehmutter fühlt sie sich verlassen und erkennt im Alkohol die Rettung aus der Einsamkeit. Sie wird Quartalssäufer, d.h. Trinken wird zum Lebensinhalt. Selbst der Körper rebelliert. In diesem Zustand erhält sie einen Anruf, der sie an ein Turnier erinnert, zu dem sie die Teilnahme zugesagt hatte. Sie verliert dort das erste Spiel gegen einen aus ihrer Sicht (und gemessen an ihren Gegnern auf den letzten Turnieren) schwachen Spieler. Erst diese Demütigung rüttelt sie auf und führt dazu, dass sie Rettung sucht und findet. Sie meidet fortan Alkohol, trainiert wieder hart für die nächsten Turniere und spielt sich letztlich den Weg frei für eine Teilnahme an der Weltmeisterschaft.

Die Handlung spielt nach dem 2.WK in den USA. Die internationale Politik wird ab und zu am Rande gestreift. Die Kirche möchte sie zum Kampf gegen den Kommunismus instrumentalisieren und würde dafür die Kosten für das wichtige Turnier in Moskau übernehmen. Sie lehnt ab und schafft es aus eigener Kraft nach Moskau. Die dortige Welt hat für sie nichts Bedrohliches. Die Begeisterung für Schach ist dort selbst auf der Straße vorhanden. Die einfachen Leute, die dort hochklassiges Schach spielen, gefallen ihr mehr als der pompöse Empfang in der Amerikanischen Botschaft.

Dezember 2023 Rudolf

Yasmina Reza Serge

Serge ist ein gutes Buch, obwohl es mir nicht gefallen hat.

Wir begleiten eine Familie Pariser Juden mit ungarischen Wurzeln, nicht besonders fromm, nicht besonders reich, normale Leute mit normalen Alltagssorgen. Wenn da nicht die besondere Grundierung der Familiengeschichte mit dem Verbrechen des Holocaust wäre. Diese Geschichte blieb im täglichen Leben der drei Hauptfiguren, der Geschwister Popper, gut wegmoderiert und verdrängt. Diese drei sind mittelalt, im Landeanflug auf die Rente und haben eigentlich genug um die Ohren. Bis die nächste Generation, Serges Tochter Josephine, vehement einen Besuch in Auschwitz einfordert, um sich der Familiengeschichte auszusetzen.
Die Geschichte wird in Form aneinandergereihter anekdotischer Schilderungen erzählt, es gibt in dem dünnen Buch eine unglaubliche Vielfalt von Miniereignissen, Gedanken und Dialogen, die sich in ihrem scheinbar chaotischen Wirrwarr doch wie ein Mosaik aus einzelnen kleinen Steinchen zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Es gibt Tiefes, Triviales, Klischeehaftes, Tragisches und Freches in bunter Mischung.
Die Hauptfigur Serge wird von seinem Ich-erzählenden Bruder ungeschönt beschrieben. Serge ist zwar der Bruder, aber er ist nervig, vorlaut, egoistisch, neurotisch, abergläubisch, neigt zu Größenwahn und Selbstmitleid, besserwisserisch, beziehungsunfähig – mit einem Wort – ein echter Kotzbrocken. Trotzdem schafft es Reza eine gewisse Sympathie für diesen sehr unvollkommenen Menschen zu vermitteln und das ist sehr menschlich und gut gelungen.
Auch die Schwierigkeit eines würdigen und nachhaltigen Erinnern an die in der NS-Zeit geschehenen Verbrechen wird gut verdeutlicht.
In gewisser Weise ist dieser Roman mit seinem Durcheinander von Geschichtchen vielleicht eine Art Abbild des Lebens und Denkens von Serge.
Und das ist es, was mir nicht gefällt. Dieses Durcheinander der Erzählstränge ist mir zu unordentlich, zu anstrengend und zu launisch. Das Buch ist mir angesichts des Themas nicht ernst genug, da bin ich vielleicht zu viel Monsieur Cerezo. Der Ton des Romans ist mir zu unernst. Aber das ist ein deutsches und vielleicht auch ein Generationen-Problem.

Oktober 2023 Jonas

Bernhard Schlink: Die Enkelin

Vor Jahren hatte ich von B. Schlink „Der Vorleser“ gelesen und war begeistert. Deshalb war ich gespannt auf sein erst 2021 erschienenes Buch „Die Enkelin“. Es stellte sich heraus, dass die Vorfreude verfrüht war. Das Thema ist nicht sonderlich originell und die Bearbeitung im Roman bedient viele Klischees. Da ist der Osten, wie er aus der Sicht des Westens sein soll (sh. Dirk Oschmann: Der Osten – eine westdeutsche Erfindung), die fanatischen Parteibonzen, die schlimmen Erziehungsmethoden, diese besonders in den Heimen. Sicherlich gab es schlimme Heime, aber nicht nur – und es gab sie auch in der BRD und anderswo. Rechtsradikale Jugend gab es in der DDR kaum (aber Protest gegen den „Sozialismus“), nach der Wende wuchsen auch rechte Gruppierungen und Parteien aus dem Boden – das Führungspersonal kam jedoch aus dem Westen. Allerdings waren und sind solche Leute, die wirklich rechts sind und eine nationalsozialistische Ideologie vertreten, selten. Ich kannte niemanden.

Die Empfänglichkeit im Osten nach der Wende gegenüber radikalen Ideologien (rechts und links) war in der Jugend relativ groß. Sie wurde hervorgerufen und unterstützt durch die Kolonialisierung des Ostens durch den Westen, die Entwertung östlicher Lebensläufe, die Deindustrialisierung, Arbeitslosigkeit etc.(sh. Dirk Oschmann, aber auch meine eigenen Erfahrungen bestätigen das).

Davon erfährt der Leser im Buch kein Wort. Statt dessen wird ein kulturell überlegener westdeutscher Gutmensch zur Hauptperson, der natürlich die auf Abwege geratene Sigrun auf den rechten Weg zurück bringt. Ein ziemlich billiger Roman.

Juli 2023 Rudolf

„Die Frau die liebte“ von Janet Lewis

Dieser schmale Band hat mir außerordentlich gut gefallen. Es ist ein gleichermaßen interessantes, spannendes und berührendes Buch. Auf kleinstem Raum wird von der Autorin große Meisterschaft in der Erzählkunst entfaltet. Ich finde faszinierend, wie die Autorin mit wenigen, präzisen Bildern in diese doch sehr ferne Welt einführt. 

Ich verstehe auch, warum die Protagonistin das patriarchalische Gewaltsystem zunächst gar nicht in Frage stellt, sogar begrüßt. Wie in vielen Büchern die mir gefallen, werden im nicht explizit Behandelten noch viele Nebenfragen sichtbar, der Keim neuer Erzählungen ist zu ahnen. 

War ihr Handeln richtig, nur um des Prinzips Willen? Hätte sie es trotz besserer Erkenntnis laufen lassen sollen? Eigentlich hatte sie ja einen besseren Mann gewonnen und alle waren recht zufrieden. Auch hatte die Gunst der Stunde einen notorischen Filou in einen ehrbaren Bürger verwandelt. War dies nicht vielleicht Gottes Plan für diesen Mann?

Jedenfalls – dieser dünne Band kommt aufs dicke Brett in meinem virtuellen Bücherregal. 

Juni 2022 Jonas

Die Vergessenen von Ellen Sandberg

Wie gefällt mir dieses Buch? Der Plot ist vielversprechend. Es geht um Euthanasie im Dritten Reich und SS-Verbrechen im Auslandseinsatz. Es geht auch um Selbstjustiz und Frauen, die sich immer für die falschen Männer entscheiden. Schon bei dieser Aufzählung merkt man, es sind zu viele Themen für einen Roman. Weniger ist manchmal mehr.

Die Autorin hat vorher Krimis geschrieben, was man dem Buch anmerkt. Sie kann spannend erzählen und mehrere Spannungsbögen halten. Die Sprache ist leicht und eingängig.

Aber während des Lesens erfasste mich Unbehagen. Darf man Themen wie Drittes Reich und Selbstjustiz in einem leichten Unterhaltungsroman abhandeln?

Die Autorin arbeitete früher in der Werbebranche. Kenntnisse vom Marketing erklären ihre manipulative Sprache. Sie schildert die Ohnmacht gegenüber einer Machtelite, die den Rechtsstaat beugt und verherrlicht Selbstjustiz, anstatt aufzuzeigen, wie man sich innerhalb eines Rechtsstaates wehren kann. „Die da oben“ „Wir hier unten“ ist der Tenor und rechtfertigt Selbstjustiz. Es wurde in der Literaturgruppe diskutiert, dass dies ein Trend in Literatur und Film ist. Für mich ist dies ein Indiz, wie gefährlich Medien sind, wenn sie den Konsumenten bestimmte Werte unterjubeln und zur politischen Verdrossenheit beitragen. Romane sollen Emotionen hervorrufen und die Leser:innen berühren. Sie sollen informieren und auch andere Lebensumstände aufzeigen. Aber sie sollen meine Werte nicht ad absurdum führen.

Beunruhigend ist auch das vermittelte Frauenbild. Über die Hauptpersonen Katrin und Vera lässt sich wenig Positives sagen. Katrin, die Euthanasie ablehnt und Material sammelt, um nach dem Krieg die Täter zu verklagen, vergisst diesen Gedanken in der Nachkriegszeit. Vera, die einen Täter entlarven will, punktet mit Naivität.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Ich habe dieses Buch mit großem Unbehagen gelesen und werde kein weiteres dieser Autorin lesen.

Gesine Im Juli 2023